Bei der Lektüre der Tagesnachrichten fiel Klaus Weber ein Artikel über Swasiland ins Auge. Das Land hatte unlängst (1990) eine Börse aufgebaut, aber die Börse handelte nur mit Aktien zweier Unternehmen und hatte ein Handelsvolumen von unter 1.000 Dollar. Ein Swasi, der zuvor für die Weltbank gearbeitet hatte, so hieß es in dem Artikel, war nach Hause zurückgekehrt und hatte entschieden, dass sein Land eine Börse bräuchte, die er dann mit seinem beachtlichen Fachwissen aufbaute. „Der gesamte vertragliche und rechtliche Hintergrund war sehr gut, nur die Börse war es nicht“, erinnert sich Weber, Dozent für Management und Organisationen an der Kellogg School of Management.

Weber, der ohnehin schon daran interessiert war, wie sich die Finanzströme über die Welt verteilen, begann zusammen mit Gerald Davis, Professor an der University of Michigan, und Michael Lounsbury, Professor an der University of Alberta, sich näher mit dem Zustand von Börsen in anderen Nationen zu beschäftigen. Eine Anzahl relativ kleiner, noch im Entwicklungszustand befindlicher Länder hatte seit Mitte der 1980er Jahre Börsen aufgebaut. Insgesamt hatten 58 Ländern in der Zeit zwischen 1980 und 2005 Börsen gegründet. Die Forscher begannen sich zu fragen, welche Faktoren wie bspw. inländische Systeme oder internationaler Druck  diese Länder von jenen Ländern unterschieden , die dies nicht taten.

An dem etwas glanzlosen Beispiel der Börse in Swasiland erkannte Weber jedoch, dass das Vorhandensein bzw. Fehlen einer Börse in einem Land noch nicht alles sein konnte. „Wir dachten: Nun gut, es ist schön, dass alle diese Länder eine Börse haben, aber sind die Börsen auch wirklich erfolgreich?“ Börsen gelten als wichtiger Faktor für das wirtschaftliche Wachstum und die finanzielle Globalisierung eines Landes, aber bisher gab es nur wenige Untersuchungen über das Wohlergehen von Börsen in Entwicklungsländern nach ihrem Aufbau.

Gründungsfaktoren
Weber und seine Kollegen machten sich zuerst an die Beantwortung zweier Fragen: Welche Faktoren ließen in einem Land die Gründung einer Börse zwischen 1980 und 2005 vorhersagen? Und ließen sich diese Faktoren nutzen, um den späteren Erfolg dieser Börse bspw. über Anzahl der gehandelten Unternehmen oder Handelsvolumen zu messen? Die Forscher stellten fest, dass eine Vielzahl von Faktoren, wie beispielsweise die Nähe zu Ländern, die ihrerseits eine Börse aufbauen, und der Druck von globalen Finanzinstituten wie der Weltbank oder dem Internationalen Währungsfonds (IWF), den Aufbau einer  B&oumlouml;rse in einem Land vorhersagen ließ. Weber und seine Kollegen fanden heraus, dass Börsen tendenziell dann erfolgreich sind, wenn Länder von ihren Nachbarländern zum Aufbau einer Börse inspiriert wurden oder daran arbeiteten, mit ihren Konkurrenten Schritt zu halten. Aber wenn Länder Börsen auf internationalen Druck hin gründeten, wurden die neuen Systeme oftmals nur oberflächlich übernommen und waren nicht so erfolgreich.

Um die verschiedenen gesellschaftlichen Faktoren zu unterscheiden, die möglicherweise ein Land beeinflussen, wandten sich Weber und seine Kollegen der Organisationsforschung zu. Unternehmen beeinflussen sich ständig:  Auf direkte Weise, beispielsweise wenn Benchmark-Tests als Vergleich zu Mitbewerbern durchgeführt werden, und auf indirekte Weise, in dem einzelne Mitarbeiter das Unternehmen wechseln und Ideen vom ehemaligenUnternehmen mitbringen. Laut Weber geschieht dasselbe auch mit Ländern. Amtsträger, die der erfolgreichen Wirtschaftspolitik eines Nachbarlands nacheifern möchten, oder Finanzfachleute, die weltweite Beziehungen haben, können die Entscheidung zum Aufbau einer Börse in ihrem Land beeinflussen.

Weber und seine Kollegen kategorisierten die gesellschaftlichen Einflüsse in vier von Organisationsforschern häufig verwendete Typen: Zwang, Wettbewerb, Lernen und Nachahmung. Sinngemäß liegt Zwang dann vor, wenn ein Land seine Politik auf internationalen Druck hin ändert. In der Finanzpolitik geschieht dies des Öfteren, wenn die Weltbank, der IWF oder andere internationale Organisationen einem Land Hilfe zu Vorzugsbedingungen leisten (verbilligte Darlehen, die an die Bedingung der Implementierung bestimmter politischer Maßnahmen oder wirtschaftlicher Einrichtungen wie einer Börse verknüpft sind). Meistens werden Länder jedoch nicht zu einer Änderung ihrer Wirtschaftspolitik gezwungen; sie ändern sich aus eigenem Antrieb, inspiriert von dem, was sie in anderen Ländern gesehen haben. Länder behalten andere Nationen, mit denen sie um denselben Expertenmarkt konkurrieren, im Auge und lernen von den Erfolgen – und Fehlern – der Börsen anderer Länder. Sie bemühen sich, die Politik von Ländern mit einer starken Wirtschaft nachzuahmen.

Frühere Arbeiten „waren davon ausgegangen, dass der spätere Erfolg der Börse in keinerlei Zusammenhang damit stand, ob das Land dazu gezwungen worden war oder freiwillig vom Nachbarland gelernt oder kopiert hatte“, sagt Weber. „Aber wir hielten das nicht für sehr plausibel.“

Ausgangspunkt ihrer Untersuchung waren alle Länder, die 1980 noch keine Börse hatten. Dann untersuchten sie, ob das Land in den folgenden 25 Jahren eine Börse aufgebaut hatte und wie groß die Börse dieses Landes in den darauffolgenden Jahren geworden war. Sie sammelten Daten zu den gesellschaftlichen Einflüssen, die in den einzelnen Ländern am Werk waren – ob ein Land von internationaler Hilfe abhängig war, mit welchen Ländern es konkurrierte, wie oft es politische Aspekte von benachbarten Ländern übernahm, welche Einstellung dieses Land insgesamt zum Weltfinanzsystem hatte –, und andere relevante Faktoren wie das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts und das Bruttosozialprodukt pro Kopf. Anschließend verglichen sie die 75 Länder, für die alle diese Daten gefunden werden konnten, und analysierten, welche Faktoren vorhersagten, ob eine Börse gegründet würde und wie erfolgreich sie sein würde.

Wie erwartet stellten Weber und seine Kollegen fest, dass das Engagement der Weltbank oder des IWF in einem Land die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Land eine Börse gründete, stark erhöhte. Wenn die Hilfe mit Bedingungen wirtschaftlicher Reformen verknüpft war, wie es bei vielen Programmen der Weltbank und des IWF üblich ist, war die Motivation zur Gründung einer Börse stark. Aber obwohl konzessionäre Hilfe die Gründung einer Börse in einem Land wahrscheinlicher machte, bedeutete dies auch, dass diese Börse wahrscheinlich später einen geringeren Erfolg mit weniger gehandelten Unternehmen und einer geringeren Marktkapitalisierung haben würde. „Ich glaube, dass  eine wichtige Erkenntnis ist, dass diese Prozesse ablaufen, aber dass sie oft zu einem eher symbolischen Verhalten der Entwicklungsländer führen, zu Börsen, die nicht ganz so funktionsfähig sind wie Börsen, die aus anderen Gründen aufgebaut werden“, sagt Weber. „Druck von außen liefert wirklich nicht die besten Ergebnisse.“

Der Blick auf die Nachbarn
Was Weber überraschte, war, wie positiv sich die gegenseitige Beeinflussung von  gleichrangigen  Ländern  auf die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes auswirkte. Die Vorteile, von Nachbarländern zu lernen, erfolgreichen Wirtschaftssystemen durch Verbindungen mit der internationalen Finanzgemeinschaft nachzueifern und sogar die  Konkurrenten im Blick zu haben, wirkten auf zweierlei Weise. Diese Einflüsse erhöhten nicht nur wesentlich die Chancen für den Aufbau einer Börse, sondern vergrößerten auch die Wahrscheinlichkeit des späteren Erfolges.  „Dies legt nahe, für die Lebensfähigkeit einer Börse ist wichtig,  dass der gesellschaftliche Einfluss nicht zu dem Zeitpunkt aufhört, an dem die Börse formell gegründet wird“, sagt Weber. Dann  sind diese Länder weiterhin in denselben Handelsnetzen eingebettet und arbeiten mit denselben Finanzexperten zusammen.

Viele der wirtschaftlichen Entwicklungsprogramme, die von Organisationen wie der Weltbank geleitet werden, basieren laut Weber im Allgemeinen auf genau definierten Projekten. „Es mag ein Programm geben, das diese Finanzmärkte erzeugt und eine Börse aufbaut, aber anschließend ist das Programm zu Ende. Es gibt eine Bewertung, sie setzen hinter alle Anforderungen ein Häkchen – erfüllt, erfüllt, erfüllt – und dann sind sie wieder weg. Es gibt anschließend keinerlei laufenden Austausch von Ressourcen.“ Wenn Länder dagegen von Nachbarländern lernen, „ermöglicht das einen fortlaufenden Lernprozess“, sagt Weber. „Es ermöglicht Ländern, ein paar ihrer Fehler zu beheben, und es schafft eine größere Gemeinschaft, die sich zur Aufgabe macht“, dass die Börse ein Erfolg wird.

Der Unterschied zwischen Zwang und Einfluss einer Referenzgruppe könnte nach Webers Ansicht wichtige Implikationen für Entwicklungsorganisationen haben. Anstatt sich auf die Erfüllung bestimmter Ziele zu konzentrieren, können Organisationen wie der IWF einem Land besser bei der Entwicklung der Wirtschaft helfen, indem sie das machen, was man Kapazitätsaufbau nennt. Damit legen sie die Grundmauern für wirtschaftliche Reformen, die sich wirklich durchsetzen. „Die Implikation unserer Studie ist, dass sich diese Bemühungen durch Schaffung regionaler Infrastrukturen erleichtern lassen“, sagt Weber. Diese Infrastrukturen fördern die Kommunikation und den Gedankenaustausch „zwischen Ländern oder Regionen, die etwas gemeinsam haben, wo bereits enge Beziehungen vorhanden sind. Sie ermöglichen diese internationalen Netzwerke, anstatt es bei einer isolierten Beziehung zwischen dem, was immer das Entwicklungsland ausmacht, und den entwickelten westlichen Länder, die die Organisation aufgebaut haben, zu belassen.“

Obwohl Weber anerkennt, dass es für Entwicklungsorganisationen ein schwierig zu verfolgender Ansatz ist – „das Schaffen einer Gemeinschaft von Lernenden ist kein sehr greifbares Ergebnis, und man bekommt auch nicht viel Geld dafür“ –, weist er darauf hin, dass einige Organisationen bereits begonnen haben, diesen Ansatz bei ihrer Arbeit mit einzubeziehen. Er hofft, dass seine Untersuchung diesen Trend fördert. „Es gibt das wachsende Bewusstsein, dass es diese Faktoren sind, die einen Unterschied machen“, sagt er.