“Große Macht geht mit großer Verantwortung einher“, so lautet eine berühmte Redewendung. Jedoch scheint Verantwortung nicht die einzige Begleiterscheinung von Macht zu sein - Diktatoren legen oft extreme Verhaltensweisen an den Tag, die ihrem Volk häufig schaden. Managern wird oft vorgeworfen, kein Verständnis für die Standpunkte ihrer Untergebenen aufzubringen, und der dominante Partner in einer Beziehung wird bezichtigt, sich nicht in die Bedürfnisse des anderen einfühlen zu können. Menschen in einflussreichen Positionen neigen offenbar dazu, Standpunkte von Menschen mit geringerer Autorität nicht ernst zu nehmen oder zumindest nicht zu verstehen.

Die Forschungsarbeit von Adam Galinsky (Professor of Management and Organizations an der Kellogg School of Management) und seinen Co-Autoren Joe Magee (Universitätsassistent für Management an der New York University), M. Ena Inesi (Universitätsassistent für Organizational Behavior an der London Business School), und Deborah H. Gruenfeld (Professor of Leadership and Organizational Behavior an der Stanford University) geht der Frage nach, wie sich Macht auf den Blickwinkel auswirkt und kommt zu dem Schluss, dass Macht die Fähigkeit einschränkt, sich in die Sichtweise, das Denken und Fühlen anderer hineinzuversetzen. Laut Galinsky können diese Erkenntnisse auch Einblick geben, wie Führungsverhalten so verändert werden kann, dass sich globale Führungspersönlichkeiten ihrer sozialen Verantwortung bewusst werden.

Selbstbezogenheit und Bezogenheit auf Andere
Galinsky und seine Mitarbeiter führten fünf Studien durch, um folgende Hypothese zu prüfen: Machtpersonen verlassen sich - verglichen mit weniger einflussreichen Personen -  zu stark auf ihre eigenen Standpunkte und weisen eine verringerte Fähigkeit auf, die Sichtweisen anderer richtig zu erfassen.

Zunächst untersuchten die Forscher, wie sich Macht auf die individuelle Fähigkeit zur Übernahme der visuellen Sichtweise eines anderen auswirkt.  Dazu wurden die Testpersonen auf unterschiedliche Machtbefugnisse „eingestellt“ und dann gebeten, den Buchstaben „E“ auf ihre Stirn zu schreiben. Um die Testpersonen zu präparieren, sollte sich die eine Hälfte eine Erfahrung in Erinnerung rufen, in der sie viel Macht ausübte erwartet und die andere Hälfte einen Zeitpunkt, an dem sie über wenig Macht verfügte. Erwartet wurde, dass die „Machtmenschen“ das „E“ mit einer höheren Wahrscheinlichkeit in dereigenen Blickrichtung (d.h. ein „selbstbezogenes” E ) schreiben würden, so dass das Gegenüber nur den spiegelverkehrt geschriebenen Buchstaben erkennen kann. Im anderen Fall wurde davon ausgegangen, dass die Testpersonen mit weniger Machtbefugnissen die Sichtweise des Gegenübers einnehmen und das „E“ in dessen Blickrichtung (ein „auf andere bezogenes“ E ), jedoch entgegen der eigenen Blickrichtung schreiben würden. Die Beeinflussung durch Geschlecht und Links- und Rechtshändigkeit wurde berücksichtigt. Die Analyse der Forscher bestätigte, dass die „Machtmenschen“ mit einer drei Mal höheren Wahrscheinlichkeit ein selbstbezogenes „E“ schrieben, als jene Testpersonen, die auf geringe Machtbefugnis „eingestellt“ waren.


Abbildung 1: Selbstbezogenes “E”
 
Abbildung 2: Auf andere bezogenes “E”



Im nächsten Experiment wurde untersucht, in welchem Verhältnis Macht und Wahrnehmung von Machtmenschen stehen, wenn sie unterstellen, andere sehen und erleben die Welt wie sie, oftmals auch noch in dem Glauben, die anderen haben den gleichen Zugang zu ihrem privilegierten und geheimen Wissen. Wie im ersten Experiment wurden die Teilnehmer des Experiments „eingestellt“. Danach bekamen Sie zur Aufgabe, sich ein unangenehmes Erlebnis vorzustellen, das sie gemeinsam mit einem Kollegen in einem Restaurant hatten. Das Restaurant war Ihnen vom Freund des Kollegen empfohlen worden. Am nächsten Tag schickte der Kollege seinem Freund eine E-Mail und lobte das gute Essen. Die Nachricht an sich schien ehrlich gemeint zu sein. Der beabsichtigte Sarkasmus in dieser Nachricht war nur dann herauszulesen, wenn man wusste, dass das Essen im Restaurant schlecht gewesen war. Die Teilnehmer, die Zugang zu dieser privilegierten Information hatten, wurden dann gefragt, wie der Freund des Kollegen die Nachricht wohl verstehen würde. Die „mächtigsten“ Testpersonen sahen es als wahrscheinlicher an, dass der Freund des Kollegen den Sarkasmus in der Äußerung wahrnehmen würde. Dies bestätigte die Hypothese, dass mit zunehmendem Einfluss Machtmenschen es als wahrscheinlicher ansehen, dass andere den gleichen Einblick in Sachverhalte haben wie sie.

Verminderte Empathie
Die Forscher fanden auch heraus, dass Macht die Empathie hemmen kann, d.h. die Fähigkeit,  sich in die Lage anderer zu versetzen und mitzufühlen. Nachdem die Versuchspersonen auf ihre Machtbefugnisse „eingestellt“ waren,  bekamen sie vierundzwanzig Bilder von Gesichtern vorgelegt, die Glück, Traurigkeit, Angst oder Wut ausdrückten. Die Teilnehmer wurden zu den einzelnen Bildern befragt und sollten raten, welcher der vier Gefühlszustände ausgedrückt wurde. Die „mächtigsten“ Testpersonen machten mehr Fehler bei der Deutung der emotionalen Gesichtsausdrücke als Personen, die am Anfang des Experiments standen und nicht „eingestellt“ worden waren.

Möglicherweise kann es sein, dass die reduzierte Fähigkeit zur Änderung der Perspektive nicht bewusst geschieht, wenn Macht gewonnen wird, sondern ihre Ursache in einer psychische Verfassung hat, die sich mit zunehmender Macht verändert. Die verminderte Fähigkeit, sich in die Lage anderer hineinzuversetzen, kann als Strategie gesehen werden, um angesichts der zahlreichen Pflichten, die häufig mit einer erhöhten Machtposition einhergehen, die Konzentration auf die wichtigsten Aufgaben zu lenken. Handelt es sich bei der eingeschränkten Fähigkeit, die Perspektive zu ändern, tatsächlich um einen automatischen Effekt, dann sollten umso mehr abgestimmte Maßnahmen ergriffen werden, um diesen Automatismus zu vermeiden. Am besten erreicht man dies, wenn man Führungspersönlichkeiten ein größeres Verantwortungsgefühl gegenüber ihren Untergegebenen vermittelt. Eng damit verknüpft ist die Notwendigkeit, Machthaber stärker zur Rechenschaft zu ziehen, um egozentrische und destruktive psychologische Kräfte in Zaum zu halten.

Um zu verdeutlichen, wie Macht in eine effektive Führung umgewandelt werden kann, zieht Galinsky die Metapher des Autofahrens heran. Die Wirkung von Macht ist gleichbedeutend mit dem Betätigen des Gaspedals. Ohne Beschleunigung setzt Stillstand ein und ein Fortbewegen ist nicht mehr möglich. Man benötigt jedoch auch das Lenkrad, um Hindernissen auszuweichen und Unfälle zu vermeiden. Ein Ändern des eigenen Blickwinkels ohne Einfluss zu haben, ist ineffektiv und Einfluss zu haben, ohne den eigenen Blickwinkel zu ändern, gefährlich und unverantwortlich. Führungspersönlichkeiten, die etwas erreichen möchten, benötigen die Beschleunigung sowie eine umsichtige Steuerung - Macht kombiniert mit der Fähigkeit, die Perspektive zu wechseln.  Das Sprungbrett der Macht, gekoppelt mit dieser Fähigkeit kann ein besonders konstruktives Mittel sein, um globale Führungspersönlichkeiten mit sozialem Verantwortungsbewusstsein heranzubilden.