Ältere Amerikaner, gezwungen ihren Ruhestand aufgrund von Kursverlusten aufzuschieben, treffen häufig weiterhin risikoreiche Anlagenentscheidungen. Diese Entscheidungen können nicht nur den Personen schaden, die sie treffen, sondern der ganzen Wirtschaft.

Gleichwohl haben sich nur wenige Studien mit der Frage beschäftigt, wie im alternden Gehirn kritischen Anlageentscheidungen ablaufen. Eine neue Forschungsarbeit von Camelia M. Kuhnen (Finanzwissenschaftlerin an der Kellogg School of Management) und ihren Kollegen Gregory R. Samanez-Larkin (Doktorand an der Universität Stanford), Daniel J. Yoo (Forschungsassistent an der Universität Stanford) und Brian Knutson (Assistenzprofessor für Psychologie an der Universität Stanford)  gibt dazu einige Erklärungen (bringt ein wenig Licht ins Dunkel). In ihrer Studie, die im The Journal of Neuroscience veröffentlicht wurde, kommen die Forscher zu dem Schluss, dass ältere Menschen aufgrund „störender“ Bewertungssignale im Gehirn zu Fehlern bei Investmententscheidungen neigen.

Zur Analyse wurden Geräte zur Hirnszintigraphie genutzt, um die Hirnaktivitäten junger Erwachsener mit denen älterer Menschen während eines schnellen Investment Spiels zu vergleichen. Nach Auswertung der Antworten, die von älteren Menschen gegeben wurden, fanden Kuhnen und ihre Kollegen einen Zusammenhang zwischen risikoreichen Anlagen und Reaktionen im Belohnungssystem des Gehirns, besonders im emotionalen Teils des Gehirns, der “Nucleus accumbens“ genannt wird.

Mit zunehmendem Alter nimmt nicht nur unsere körperliche Reaktionsfähigkeit ab. Laut Camelia L. Kuhnen wird im Alter auch unsere geistige Reaktionsfähigkeit beim Treffen finanzieller Entscheidungen beeinträchtigt.

„Wir fanden heraus, dass ältere Menschen stärker zu Fehlern neigen”, so Kuhnen. „Sie scheinen Werte in der „Nucleus accumbens“ Gehirnregion nicht korrekt abzubilden.“

Psychologische Studien anderer Forschungsgruppen haben nachgewiesen, dass ältere Menschen beim Treffen risikoreicher Anlageentscheidungen überproportional stärker mit Gewinnen als mit Verlusten rechnen. Aber Kuhnen betonte, dass es in ihrer Studie erstmals gelungen ist, diejenige Gehirnregion zu identifizieren, in der diese altersbedingten Fehler voraussichtlich auftreten. Die aktuelle Studie könnte hilfreich sein zu erklären, warum ältere Menschen leichter auf Anlagebetrüger hereinfallen. Betrüger fordern häufig schnelle Entscheidungen, die aus dem emotionalen Teil des Gehirns abgerufen werden.  Die Studie von Kuhnen legt nahe, dass ältere Investoren bessere Entscheidungen treffen, wenn Sie Zeit haben, den rationalen Teil ihres Gehirns einzuschalten und die Alternativen abzuwägen.

„Je länger wir über etwas nachdenken, umso weniger ist klar, welche Rolle der emotionalen Teils unseres Gehirns spielt “  so Kuhnen. Die Ergebnisse lassen auch Zweifel an der gängigen Vorstellung aufkommen, dass ältere Menschen naturgemäß konservative Anleger sind.

Finanzielle Spiele
Für ihre Forschung warben Kuhnen und ihre Kollegen von der Universität Stanford 92 Freiwillige im Alter von 19 bis 85 aus der Region San Francisco an. Die Versuchsteilnehmer spielten ein Investmentspiel, aber nur bei 54 Teilnehmern wurden währenddessen mittels der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRI) die Gehirnaktivitäten aufgezeichnet. Die restlichen 38 Teilnehmer dienten der Verhaltenskontrolle. Den Freiwilligen wurden drei unterschiedliche Symbole gezeigt, die jeweils drei Anlagetypen entsprachen. Die Teilnehmer spielten zehn Runden des Spiels und jede Runde bestand aus zehn unterschiedlichen Experimenten. Ein Kreis stand immer für eine sichere, wenig ertragreiche Anleihe, aber vor jeder Runde veränderte ein Computer per Zufallsprinzip die Symbole, um starke oder schwache Aktien abzubilden.  Welches Symbol eine „gute“ Aktie abbildete, konnten die Teilnehmer jedoch nur im Spiel herausfinden. 

Kuhnen wusste aus ihrer früheren Studien, dass sich rationale Anleger für Anleihen entscheiden, bis sie in der Lage sind, ertragreiche Aktien zu identifizieren. Um einen höheren Gewinn zu erzielen, investieren sie dann in die „gute“ Aktie. Würden die älteren Menschen bei dem Experiment das gleiche Verhalten an den Tag legen? Während die Freiwilligen ihre Anlageentscheidungen trafen, suchten Kuhnen und ihre Kollegen nach folgenden drei Arten von Fehlern:

Fehler durch wachsende Risikobereitschaft: Hierbei investierten die Teilnehmer in Aktien obwohl Anleihen die besser Wahl darstellten (dieser Fehler wurde zu Beginn des Spiels gemacht, als die „gute“ Aktie noch nicht zu erkennen war).
Fehler durch Konfusion: Teilnehmer investierten in die schwache “schlechte” Aktie, obwohl die „gute“ Aktie schon deutlich erkennbar war. 
Fehler durch Risikoaversion: Zu einem fortgeschrittenen Zeitpunkt des Spiels investierten Teilnehmer in Anleihen anstatt in gute Aktien.

Kuhnen und ihre Kollegen fanden heraus, dass im Vergleich zu jüngeren Erwachsenen ältere erheblich mehr Fehler machten, die auf Risikobereitschaft und Konfusion gründeten. Insbesondere waren 32 Prozent der Fehler, die von dem Drittel der ältesten Teilnehmer (zwischen 67 und 85 Jahren) begangen wurden, in ihrer Risikobereitschaft begründet. Im Vergleich dazu, lag dieser Anteil bei dem Drittel der jüngsten Teilnehmer (zwischen 19 und 35) bei 24 Prozent. Bei den durch Konfusion begründeten Fehlern lag das Verhältnis bei 8 Prozent (Drittel der ältesten Teilnehmer) zu 3 Prozent (Drittel der jüngsten Teilnehmer). Keine statistischen Unterschiede gab es bei den durch Risikoaversion begangenen Fehlern. 

Danach validierten die Forscher die Ergebnisse, indem sie diese mit den finanziellen Erfolgen der Teilnehmer im wahren Leben verglichen. Sie fanden heraus, dass Teilnehmer mit dem größten tatsächlichen Vermögen im Experiment auch proportional die meisten rationalen Anlageentscheidungen getroffen hatten. Im nächsten Schritt sahen sich Kuhnen und ihre Kollegen die Aufzeichnungen der Gehirnaktivitäten der 54 Teilnehmer an, die während des Spiels gemacht worden waren. Dabei legten sie den Schwerpunkt auf Fehler, die durch Risikobereitschaft hervorgerufen wurden, da diese den größten Anteil der Fehler ausmachten. Nachdem sie das Alter kontrolliert hatten, stellten sie beim Drittel der ältesten Teilnehmer einen bedeutenden Zusammenhang zwischen „störenden“ Signalen im emotionalen Gehirnteil und risikobedingten Fehlern fest. Ein solcher Zusammenhang konnte beim Drittel der jüngsten Testpersonen nicht festgestellt werden. Zwischen diesen Fehlern und den Abläufen in anderen Gehirnbereichen, einschließlich dem präfrontalen Cortex, der für den rationalen Teil des Gehirns zuständig ist, bestand kein Zusammenhang.

Die Ergebnisse legen nahe, dass ältere Menschen bessere Entscheidungen treffen, wenn ihnen objektive Informationen vorliegen, sagte Kuhnen. Eine Anschlussstudie geht der Frage nach, ob es hilft risikobedingte Fehler älterer Menschen zu vermeiden, in dem Informationen über die Erwartungswerte von Anlageoptionen zur Verfügung gestellt werden. Kuhnen regt an, dass politische Entscheidungsträger in Betracht ziehen sollten,  älteren Menschen einen kostengünstigen Service zur Finanzplanung anzubieten.

„Störende Bewertungssignale im emotionalen Gehirnteil lassen sich durch harte Fakten ausschalten. Auf diese Weise können Menschen bessere Entscheidungen treffen“, so Kuhnen.