In vielen Situationen haben Stereotypen eher negative als positive Auswirkungen. Aber es gibt Situationen, in denen Stereotypen ein nützliches Werkzeug zur effizienten Entscheidungsfindung sein können. Beispielsweise sind demographische Kategorien in medizinischen Entscheidungsprozessen oft zweifellos relevant: Ein Arzt wird wahrscheinlich bei einem männlichen Patient keine Menopause diagnostizieren.

Nichtsdestotrotz ist es wichtig, die möglichen Trugschlüsse von Stereotypen zu verstehen. Galen Bodenhausen (Marketing-Professor an der Kellog School of Management) erklärt, dass Menschen dazu neigen, die Genauigkeit von Stereotypen überzubewerten. Viele kognitive Mechanismen führen zu falscher Bestätigung von Stereotypen und können schließlich falsche Entscheidungen nach sich ziehen.

Denken Sie nur einmal an das verbreitete Vorurteil, das männliche Fahrer in Bezug auf weibliche Fahrer schüren. Ein männlicher Fahrer könnte weibliche Fahrer für minderwertig halten und diese Behauptung mit Beispiele aus persönlichen Erfahrungen begründen: „Nun, gerade heute, als ich zur Arbeit fuhr wurde ich geschnitten und am Steuer dieses Wagens saß natürlich eine Frau.“ Das Problem einer solchen Logik liegt in der Tatsache, dass sich Menschen bevorzugt an Beispiele erinnern, welche ihrer stereotypen Vorstellungen bestätigen, und nicht an solche, die für das Gegenteil sprechen.

Der oben genannte männliche Fahrer wurde möglicherweise genauso oft von anderen Männern wie von Frauen geschnitten, er erinnert sich nur nicht an diese Ereignisse. In seiner Vorstellung haben die negativen Erfahrungen mit weiblichen Fahrern ein deutlich stärkeres Gewicht als die Erfahrungen mit männlichen Fahrern. Um ein solches Vorurteil zu bestätigen wäre es natürlich nötig, schlechte Erfahrungen mit männlichen und weiblichen Fahrern zahlenmäßig zu vergleichen.

Das oben genannte Beispiel zeigt nur eines von vielen Vorurteilen, welche die Erinnerungen so beeinflussen, dass Stereotypen auf fälschliche Weise bestätigt warden. Sogar in Fällen, wo sich Stereotypen teilweise bestätigen, kann die Vielfalt der Beziehungen zwischen Kategorie-Zugehörigkeit und individuellen Merkmalen verschleiert werden. Auf jeden Fall ist klar, dass verschiedene kognitive Vorgänge zu illusorischen Beziehungen zwischen Kategorie-Zugehörigkeit und individuellen Merkmalen führen können.

Stereotype Vorurteile verzerren Informationen

Zugegebenermaßen können manche Stereotypen wahre Informationen enthalten. Bodenhausen erklärt, dass diese Stereotypen jedoch weder anstelle fallspezifischer Informationen verwendet werden sollen noch die Art der Anwendung fallspezifischer Informationen beeinflussen sollen. Dennoch zeigt Bodenhausens Forschung, dass Menschen entweder fallspezifische Informationen vernachlässigen oder diese systematisch als Folge von stereotypen Vorurteilen verzerren.

In einer Studie zeigte Bodenhausen den Testpersonen Protokolle von Strafprozessen. Die Protokolle enthielten wenig Informationen über den Angeklagten aber viele Beweisangaben. In jedem Protokoll wurden die dargestellten Beweise konstant gehalten aber der Name des Angeklagten – so gewählt, damit Rückschlüsse auf dessen ethnische Herkunft möglich waren – verändert. Die Ergebnisse zeigten, dass die Test-Jury nicht von der ethnischen Herkunft beinflusst wurden, wenn sie diese erst nach der Beweislage erfuhr. Erfuhren sie allerdings die ethnische Herkunft des Angeklagten vor der Beweislage, wurden stereotypische Vorurteile festgestellt. In diesem Experiment wurden lateinamerikanische Angeklagte in 60% der Fälle für schuldig befunden, angloamerikanische Angeklagte hingegen nur in 48% der Fälle.

Gewichtung der Beweise

In einer anderen Studie fand Bodenhausen heraus, dass Stereotypen die Art und Weise beeinflussen können, auf welche die Entscheider verschiedene Beweistypen berücksichtigen. In einem Experiment, in dem über eine Bewährung entschieden wurde, bekamen die Testpersonen Informationen über verschiedene Strafgefangene. Die Fakten über die Verbrechen der Gefangenen wurden konstant gehalten, aber ihre Namen wurden verändert, um Aufschluss über ihre scheinbare ethnische Herkunft zu geben. Zusätzlich veränderte Bodenhausen die Motive der Straftaten. Wurde ein Gefangener beispielsweise wegen eines Raubüberfalls auf ein Einzelhandelsgeschäft inhaftiert, könnte die Tat damit begründet werden, dass der Gefangene kein Geld hatte um Medikamente für seine kranke, schwangere Frau zu kaufen. Solche Informationen könnten Aufschluss über die Wahrscheinlichkeit einer Resozialisierung für den Gefangenen geben und damit möglicherweise Bewährungsentscheidungen beeinflussen.

Die Einbringung eines ethnischen Stereotyps beeinflusste die Bewährungsentscheidung in diesem Experiment deutlich. Bewährungsentscheidungen für nicht beschriebene Gefangene wurden von der Erklärung des Motivs beeinflusst. Im Gegensatz dazu beeinflusste die genau gleiche Information die Bewährungsentscheidung für lateinamerikanische Gefangene nicht.
Wurden die Testpersonen gebeten, sich an fallspezifische Details zu erinnern, wurde die Rekonstruktion des Motivs auch von ihren Stereotypen in Bezug auf die ethnische Herkunft des Gefangenen beeinflusst. Die Ergebnisse des Experiments zeigen, dass Stereotypen sowohl die Beeurteilung als auch die Erinnerung der Entscheider beeinflussten (Abbildung 1).

Die Auswirkungen von Stereotypen hängen von mehreren Faktoren ab. Die Forschung zeigte, dass sowohl die Komplexität einer Entscheidung als auch individuelle Launen die die Wahrscheinlichkeit von Vorurteilen beeinflussen können. Außerdem zeigt Bodenhausens Forschung, dass das Energieniveau einer Person zu den unterschiedlichen Tageszeiten die Wahrscheinlichkeit stereotypen Denkens beeinflussen kann. Beispielsweise denken Frühaufsteher morgens und Nachteulen abends weniger stereotyp. Kurz gesagt, kann eine Vielzahl an Faktoren, welche die Effizienz von Informationsverarbeitungs-Vorgängen beeinflussen, das Ausmaß stereotyper Vorurteile in Entscheidungsprozessen mildern.

Wie können stereotype Vorurteile verhindert werden? Die Herausforderung liegt in der unterschwelligen Natur der Vorurteile; Entscheider sind sich ihrer Vorurteile oft nicht bewusst. Der erste Schritt bei der Bekämpfung von Stereotypen erfordert ein Bewusstsein der Gefahren, die Stereotypen bei Entscheidungen mit sich bringen. Wenn Entscheider die Motivation und Gelegenheit haben, Mitglieder stereotyper Gruppen und deren Wunsch nach Genauigkeit zu berücksichtigen, können sie über vereinfachte, stereotype Vorurteile hinausdenken.

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Abbildung 1: Auswirkungen von Stereotypen auf die Einstufung der Bewährungsreife (linkes Diagramm) und Anteil der Teilnehmer, die sich an situationsbedingte Erklärungen für das Verhalten des Gefangenen erinnerten (rechtes Diagramm)