Längere Auslandsaufenthalte können eine wertvolle Erfahrung sein. Neue Forschungsergebnisse legen jedoch nahe, dass sie darüber hinaus auch unsere geistigen Fähigkeiten verbessern können.  Diese von der American Psychological Association veröffentlichte Studie ist die erste ihrer Art, die den Zusammenhang zwischen längeren Auslandsaufenthalten und Kreativität untersucht.

„Künstler, die auf der Suche nach neuen Inspirationen sind oder ihre Technik verfeinern möchten, betrachten das Eintauchen in fremde Kulturen schon lange als Patentrezept. Aber fördern längere Auslandsaufenthalte tatsächlich die Kreativität?”, fragt der Erstautor der Studie, William Maddux, Assistant Professor of Organizational Behavior (Organisationsforschung) an der Business School INSEAD und ehemaliger Visiting Assistant Professor und Postdoktorand der Kellogg School.
„Wir glauben, dass wir mit dieser Forschungsarbeit nun erste Antworten auf diese alte Frage geben können.”

Maddux und Adam Galinsky - Morris and Alice Kaplan Professor of Ethics and Decision in Management an der Kellogg School - führten fünf Studien durch, um den Zusammenhang zwischen längeren Auslandsaufenthalten und Kreativität zu untersuchen. Die Ergebnisse erschienen in der Mai-Ausgabe des Journal of Personality and Social Psychology, das von der American Psychological Association herausgegeben wird.

In einer Studie wurden MBA-Studenten der Kellogg School darum gebeten, das sogenannte Kerzenproblem von Duncker zu lösen, ein klassischer Test zur Prüfung des kreativen Denkvermögens. Bei dieser Aufgabe werden den Versuchspersonen drei Gegenstände vorgelegt, die auf einem Tisch neben einer Pappwand platziert werden: eine Kerze, eine Streichholzschachtel und eine Schachtel Reißzwecken. Bei dieser Aufgabe soll die Kerze so an der Pappwand befestigt werden, dass sie ordnungsgemäß brennt, ohne dass Wachs auf Tisch oder Boden tropft. Die Lösung besteht darin, die Reißzwecken-Schachtel als Kerzenhalter zu verwenden - die Schachtel soll geleert und mit den Reißzwecken an der Wand befestigt werden und danach die Kerze hineingestellt werden.

Diese Lösung wird als Maßstab für das kreative Denkvermögen erachtet, da sie die Fähigkeit erfordert, Gegenstände losgelöst von ihren typischen Funktionen wahrzunehmen (d. h. die Schachtel dient nicht nur zum Aufbewahren von Reißzwecken sondern kann auch als Standfläche verwendet werden). Die Ergebnisse zeigten, dass die kreative Lösung umso schneller gefunden wurde, desto länger ein Student im Ausland gelebt hatte. 
In einer anderen Studie mit Studenten der Kellogg School wurde ein Verhandlungstest vorgetäuscht, bei dem es um den Verkauf einer Tankstelle ging. Bei dieser Verhandlung war eine ausschließlich auf dem Verkaufspreis basierende Einigung unmöglich, da der Mindestpreis, den der Verkäufer zu akzeptieren bereit war, über dem Höchstpreis des Käufers lag. Da die eigentlichen Interessen beider Parteien jedoch miteinander vereinbar waren, konnte nur anhand einer kreativen Vereinbarung, die im Interesse beider Parteien lag, ein Abschluss erzielt werden.

Auch hier zeigte sich, dass Verhandlungsführer mit Auslandserfahrung häufiger eine Einigung erzielten, die kreative Fähigkeiten erforderte. In beiden Studien waren Auslandsreisen nicht von Belang; für die Kreativität spielten lediglich längere Auslandsaufenthalte eine Rolle.

In einer Folgestudie gingen Maddux und Galinsky dann der Frage nach, weshalb das Leben im Ausland mit dem kreativen Denkvermögen verknüpft ist. Anhand einer Gruppe von MBA-Studenten der INSEAD in Frankreich fanden sie heraus, dass je mehr sich die Studenten an fremde Kulturen angepasst hatten desto schneller konnten sie das Kerzenproblem von Duncker lösen.

„Dies zeigt uns, dass bei Menschen, die im Ausland leben, zunächst eine Art psychologische Wandlung erfolgen muss, damit es zu einer Steigerung der Kreativität kommen kann. Dies kann dann geschehen, wenn Menschen aktiv um die Anpassung an eine neue Kultur bemüht sind,” so Galinsky.

Obwohl diese Studien einen klaren Zusammenhang zwischen längeren Auslandsaufenthalten und Kreativität aufzeigen, beweisen sie nicht, dass das Leben im Ausland und die Anpassung an eine neue Kultur die Menschen tatsächlich kreativer macht. „Wir konnten die Personen nicht wahllos in Gruppen einteilen, von denen eine im Ausland und die andere in ihrem eigenen Land leben sollte," so Maddux.

Um eine Antwort auf die Frage zu erhalten, was Menschen kreativ macht, wendeten die Autoren die sogenannte "Priming"-Technik (Voraktivierung) an. In zwei Experimenten wurden Studentengruppen der Pariser Sorbonne-Universität dazu aufgefordert, sich an Zeiten zu erinnern, in denen sie im Ausland gelebt oder sich an eine neue Kultur angepasst haben. Diese Erinnerungen sollten sie dann schriftlich niederlegen. Die anderen Gruppen wurden gebeten, über Erlebnisse zu schreiben, die nicht mit der Anpassung an eine neue Kultur einhergingen, wie das Einkaufen im Supermarkt, das Erlernen einer neuen Sportart oder simples Beobachten.

Die Ergebnisse zeigten, dass Studenten, die dazu instruiert wurden, Erfahrungen aufzufrischen, die sie bei längeren Auslandsaufenthalten oder bei der Anpassung an eine neue Kultur gesammelt haben, eine zumindest zeitweilige erhöhte Kreativität aufwiesen. Diese Studenten gingen beispielsweise beim Zeichnen von Außerirdischen oder beim Lösen von Wortspielen kreativer vor als Studenten, die andere Erfahrungen abrufen sollten.

„Diese Forschungsarbeit kann Aufschluss über den weltweit wachsenden Einfluss der Globalisierung geben - eine Tatsache, die uns angesichts der gegenwärtigen Finanzkrise immer wieder vor Augen geführt wird,” sagte Maddux. „Die Kenntnis, dass Auslandserfahrungen für die kreative Leistung entscheidend sind, gibt Partnerprogrammen mit ausländischen Universitäten und Auslandsjobs einen viel höheren Stellenwert. Dies ist insbesondere für Menschen und Unternehmen von Bedeutung, die Wert auf Kreativität und Innovation legen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.”