Apr. 23, 2009

Über den eige­nen Teller­rand schauen

Leben im Aus­land fördert die Kreativität

Based on the research of

William Maddux

Adam D. Galinsky

Län­gere Aus­land­saufen­thalte kön­nen eine wertvolle Erfahrung sein. Neue Forschungsergeb­nisse leg­en jedoch nahe, dass sie darüber hin­aus auch unsere geisti­gen Fähigkeit­en verbessern kön­nen. Diese von der Amer­i­can Psy­cho­log­i­cal Asso­ci­a­tion veröf­fentlichte Studie ist die erste ihrer Art, die den Zusam­men­hang zwis­chen län­geren Aus­land­saufen­thal­ten und Kreativ­ität untersucht.

Kün­stler, die auf der Suche nach neuen Inspi­ra­tio­nen sind oder ihre Tech­nik ver­fein­ern möcht­en, betra­cht­en das Ein­tauchen in fremde Kul­turen schon lange als Paten­trezept. Aber fördern län­gere Aus­land­saufen­thalte tat­säch­lich die Kreativ­ität?”, fragt der Erstau­tor der Studie, William Mad­dux, Assis­tant Pro­fes­sor of Orga­ni­za­tion­al Behav­ior (Organ­i­sa­tions­forschung) an der Busi­ness School INSEAD und ehe­ma­liger Vis­it­ing Assis­tant Pro­fes­sor und Post­dok­torand der Kel­logg School.
Wir glauben, dass wir mit dieser Forschungsar­beit nun erste Antworten auf diese alte Frage geben können.”

Mad­dux und Adam Galin­sky — Mor­ris and Alice Kaplan Pro­fes­sor of Ethics and Deci­sion in Man­age­ment an der Kel­logg School — führten fünf Stu­di­en durch, um den Zusam­men­hang zwis­chen län­geren Aus­land­saufen­thal­ten und Kreativ­ität zu unter­suchen. Die Ergeb­nisse erschienen in der Mai-Aus­gabe des Jour­nal of Per­son­al­i­ty and Social Psy­chol­o­gy, das von der Amer­i­can Psy­cho­log­i­cal Asso­ci­a­tion her­aus­gegeben wird.

In ein­er Studie wur­den MBA-Stu­den­ten der Kel­logg School darum gebeten, das soge­nan­nte Kerzen­prob­lem von Dunck­er zu lösen, ein klas­sis­ch­er Test zur Prü­fung des kreativ­en Denkver­mö­gens. Bei dieser Auf­gabe wer­den den Ver­suchsper­so­n­en drei Gegen­stände vorgelegt, die auf einem Tisch neben ein­er Pap­p­wand platziert wer­den: eine Kerze, eine Stre­ich­holzschachtel und eine Schachtel Reißzweck­en. Bei dieser Auf­gabe soll die Kerze so an der Pap­p­wand befes­tigt wer­den, dass sie ord­nungs­gemäß bren­nt, ohne dass Wachs auf Tisch oder Boden tropft. Die Lösung beste­ht darin, die Reißzweck­en-Schachtel als Kerzen­hal­ter zu ver­wen­den — die Schachtel soll geleert und mit den Reißzweck­en an der Wand befes­tigt wer­den und danach die Kerze hineingestellt werden. 

Diese Lösung wird als Maßstab für das kreative Denkver­mö­gen erachtet, da sie die Fähigkeit erfordert, Gegen­stände los­gelöst von ihren typ­is­chen Funk­tio­nen wahrzunehmen (d. h. die Schachtel dient nicht nur zum Auf­be­wahren von Reißzweck­en son­dern kann auch als Stand­fläche ver­wen­det wer­den). Die Ergeb­nisse zeigten, dass die kreative Lösung umso schneller gefun­den wurde, desto länger ein Stu­dent im Aus­land gelebt hat­te. 
In ein­er anderen Studie mit Stu­den­ten der Kel­logg School wurde ein Ver­hand­lung­stest vor­getäuscht, bei dem es um den Verkauf ein­er Tankstelle ging. Bei dieser Ver­hand­lung war eine auss­chließlich auf dem Verkauf­spreis basierende Eini­gung unmöglich, da der Min­dest­preis, den der Verkäufer zu akzep­tieren bere­it war, über dem Höch­st­preis des Käufers lag. Da die eigentlichen Inter­essen bei­der Parteien jedoch miteinan­der vere­in­bar waren, kon­nte nur anhand ein­er kreativ­en Vere­in­barung, die im Inter­esse bei­der Parteien lag, ein Abschluss erzielt werden. 

Auch hier zeigte sich, dass Ver­hand­lungs­führer mit Aus­land­ser­fahrung häu­figer eine Eini­gung erziel­ten, die kreative Fähigkeit­en erforderte. In bei­den Stu­di­en waren Aus­land­sreisen nicht von Belang; für die Kreativ­ität spiel­ten lediglich län­gere Aus­land­saufen­thalte eine Rolle.

In ein­er Folges­tudie gin­gen Mad­dux und Galin­sky dann der Frage nach, weshalb das Leben im Aus­land mit dem kreativ­en Denkver­mö­gen verknüpft ist. Anhand ein­er Gruppe von MBA-Stu­den­ten der INSEAD in Frankre­ich fan­den sie her­aus, dass je mehr sich die Stu­den­ten an fremde Kul­turen angepasst hat­ten desto schneller kon­nten sie das Kerzen­prob­lem von Dunck­er lösen. 

Dies zeigt uns, dass bei Men­schen, die im Aus­land leben, zunächst eine Art psy­chol­o­gis­che Wand­lung erfol­gen muss, damit es zu ein­er Steigerung der Kreativ­ität kom­men kann. Dies kann dann geschehen, wenn Men­schen aktiv um die Anpas­sung an eine neue Kul­tur bemüht sind,” so Galinsky.

Obwohl diese Stu­di­en einen klaren Zusam­men­hang zwis­chen län­geren Aus­land­saufen­thal­ten und Kreativ­ität aufzeigen, beweisen sie nicht, dass das Leben im Aus­land und die Anpas­sung an eine neue Kul­tur die Men­schen tat­säch­lich kreativ­er macht. Wir kon­nten die Per­so­n­en nicht wahl­los in Grup­pen ein­teilen, von denen eine im Aus­land und die andere in ihrem eige­nen Land leben sollte,” so Maddux.

Um eine Antwort auf die Frage zu erhal­ten, was Men­schen kreativ macht, wen­de­ten die Autoren die soge­nan­nte Priming”-Technik (Vorak­tivierung) an. In zwei Exper­i­menten wur­den Stu­den­ten­grup­pen der Paris­er Sor­bonne-Uni­ver­sität dazu aufge­fordert, sich an Zeit­en zu erin­nern, in denen sie im Aus­land gelebt oder sich an eine neue Kul­tur angepasst haben. Diese Erin­nerun­gen soll­ten sie dann schriftlich nieder­legen. Die anderen Grup­pen wur­den gebeten, über Erleb­nisse zu schreiben, die nicht mit der Anpas­sung an eine neue Kul­tur ein­hergin­gen, wie das Einkaufen im Super­markt, das Erler­nen ein­er neuen Sportart oder sim­ples Beobachten. 

Die Ergeb­nisse zeigten, dass Stu­den­ten, die dazu instru­iert wur­den, Erfahrun­gen aufzufrischen, die sie bei län­geren Aus­land­saufen­thal­ten oder bei der Anpas­sung an eine neue Kul­tur gesam­melt haben, eine zumin­d­est zeitweilige erhöhte Kreativ­ität aufwiesen. Diese Stu­den­ten gin­gen beispiel­sweise beim Zeich­nen von Außerirdis­chen oder beim Lösen von Wort­spie­len kreativ­er vor als Stu­den­ten, die andere Erfahrun­gen abrufen sollten. 

Diese Forschungsar­beit kann Auf­schluss über den weltweit wach­senden Ein­fluss der Glob­al­isierung geben — eine Tat­sache, die uns angesichts der gegen­wär­ti­gen Finanzkrise immer wieder vor Augen geführt wird,” sagte Mad­dux. Die Ken­nt­nis, dass Aus­land­ser­fahrun­gen für die kreative Leis­tung entschei­dend sind, gibt Part­ner­pro­gram­men mit aus­ländis­chen Uni­ver­sitäten und Aus­land­sjobs einen viel höheren Stel­len­wert. Dies ist ins­beson­dere für Men­schen und Unternehmen von Bedeu­tung, die Wert auf Kreativ­ität und Inno­va­tion leg­en, um wet­tbe­werb­s­fähig zu bleiben.”

Featured Faculty

Adam D. Galinsky

Member of the Department of Management & Organizations faculty until 2012

About the Writer

Audrey Hamilton is a Public Affairs Associate at the American Psychological Association.

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