Homer schrieb über Odysseus, dass er die Verführungskraft des Gesangs der Sirenen so sehr fürchtete, dass er die Ohren seiner Reisegefährten mit Wachs verschloss und sich selbst an den Mast des Schiffes binden ließ. Anders als unser mythologischer Held überschätzen laut Loran Nordgren (Assistant Professor für Management und Organisationen an der Kellogg School of Management) die meisten Leute jedoch ihre Fähigkeit, ihre Impulse unter Kontrolle zu halten. Darüber hinaus können derartige Fehleinschätzungen zu maladaptiven Strategien der Selbstkontrolle führen.

Wenn man die Widerstandsfähigkeit von Testpersonen gegenüber Verhalten, das ihnen zwar Vorteile bringt, aber in schlampiger Arbeit resultiert oder unethisch ist, einmal auf die Probe stellt, „sind sie sehr überrascht, wie stark eine derartige Versuchung sein kann”, so Nordgren.

In Zusammenarbeit mit Joop van der Pligt (Leiter des psychologischen Forschungsinstituts der Universität Amsterdam) und Frenk van Harreveld (Koordinator des Unterrichtsprogramms der Abteilung für Sozialpsychologie der Universität Amsterdam) untersuchte Nordgren, wie das Vertrauen in die eigene Impulskontrolle—der Glaube, in der Lage zu sein, Impulse wie Hunger, Drogensucht und sexuelle Erregung zu kontrollieren—den Selbstkontrollprozess beeinflusst. Die Forscher untersuchten, ob die Probanden impulsive Zustände als leicht oder schwer zu überwinden einschätzten, und wie sich diese Einschätzung auf den Selbstkontrollprozess der einzelnen Probanden auswirkte.

Sie stellten fest, dass Menschen im Allgemeinen dazu tendieren, ihre eigene Fähigkeit zur Impulskontrolle zu überschätzen. Dieses verzerrte Selbstbild führt dazu, dass sie glauben, auch stärkeren Versuchungen widerstehen zu können, und dies wiederum führt dazu, dass sie einer Versuchung zu impulsiven oder Suchtverhalten mit größerer Wahrscheinlichkeit erliegen.

Impulsive Zustände und der „Empathy Gap”
Frühere Studien haben gezeigt, dass Menschen oft Schwierigkeiten haben, die Stärke der Auswirkung eines impulsiven Zustands auf ihr Verhalten einzuschätzen. Wenn sich Menschen in einem „kalten Zustand” (cold state) befinden, in dem bestimmte verhaltensauslösende Zustände wie Hunger, Wut, sexuelle Erregung usw. nicht vorherrschen, tendieren sie dazu, die Stärke der Auswirkungen eines „heißen Zustands” (hot state) auf ihr Verhalten zu unterschätzen.

Diese Diskrepanz wird als „Empathy Gap” bezeichnet. Nordgren und seine Kollegen erweiterten die Forschung des „Empathy Gap” auf mehrere Hypothesen: Menschen in einem kalten, nicht-impulsiven Zustand überschätzen ihre Fähigkeit zur Impulskontrolle; Menschen in einem heißen, impulsiven Zustand haben eine realistischere Vorstellung ihrer Fähigkeit zur Impulskontrolle; Menschen, die der Meinung sind, eine hohe Fähigkeit zur Impulskontrolle zu haben, setzen sich größeren Versuchungen aus und legen letztendlich ein impulsiveres Verhalten an den Tag.

Ermüdung
Die Forscher führten vier Experimente durch. Im ersten untersuchten sie das Verhältnis zwischen der Einschätzung der Studenten ihrer geistigen Ermüdung zu ihren für das kommende Semester geplanten Lernzeiten. Der nach dem Zufallsprinzip ausgewählten Hälfte der 72 Studenten wurde die Aufgabe erteilt, sich etwa 20 Minuten lang Zahlenreihen zügig einzuprägen. Diese Aufgabe führt, wie frühere Studien gezeigt haben, zur geistigen Ermüdung.

Nach Abschluss der Gedächtnisaufgabe wurden diese Studenten gebeten, den Grad ihrer gegenwärtigen geistigen Ermüdung zu bewerten, einzuschätzen, wie viel Selbstkontrolle sie über die geistige Ermüdung hätten, und anzugeben, wie sie ihr Arbeitspensum während des bevorstehenden Semesters verteilen wollten. Studenten, denen eine nicht ermüdende Gedächtnisaufgabe gestellt worden war, wurden dieselben Fragen gestellt.

Im Vergleich mit den nicht ermüdeten Studenten schätzten die ermüdeten Studenten, dass sie erheblich weniger Kontrolle über geistige Ermüdung hätten, und sie planten deshalb, wesentlich weniger ihrer Lernzeit auf die letzte Semesterwoche vor den Prüfungen aufzuschieben. Nordgren und seine Kollegen stellten fest, dass allein die unterschiedliche Einschätzung der Impulskontrolle für die Beziehung zwischen Ermüdung und der Absicht, das Lernen für die Prüfungen nicht bis zuletzt aufzuschieben, verantwortlich war.

Hunger
Nach Auswahl des Snacks füllten die Probanden einen Fragebogen aus, der ihren gegenwärtigen Hungerzustand und ihre Einschätzung ihrer Impulskontrolle bewertete. Die Ergebnisse zeigten, dass die gesättigten Probanden der Überzeugung waren, mehr Kontrolle über ihre Impulse zu haben als die hungrigen Probanden. Wie erwartet gaben die gesättigten Probanden einer stärkeren Versuchung nach und wählten normalerweise ihren liebsten oder zweitliebsten Snack.

Dagegen tendierten die hungrigen Probanden zur Wahl ihrer zweit- oder drittliebsten Snacks. In beiden Gruppen zeigte sich, dass ein verlockenderer Snack gewählt wurde, wenn die eigene Fähigkeit, Versuchungen zu widerstehen, als stärker eingeschätzt wurde.

Etwa die Hälfte der Probanden brachte den Snack zurück, aber insgesamt hatten diese Probanden eher einen weniger beliebten Snack ausgewählt als diejenigen, die den Snack nicht zurückbrachten. Darüber hinaus war es bei den Probanden der gesättigten Gruppe, die im Allgemeinen verlockendere Snacks ausgewählt hatten, erheblich weniger wahrscheinlich, dass sie den Snack unverzehrt zurückbrachten als bei den Probanden der hungrigen Gruppe.

Rauchen
Die dritte Studie sollte zeigen, wie sich die Überzeugung bezüglicher der eigenen Impulskontrolle direkt auf die Widerstandskraft gegenüber Versuchungen auswirkt. Dazu nahmen starke Raucher an einem Spiel zur Selbstkontrolle teil, in dem sie ihrem Rauchdrang widerstehen mussten, um Geld zu gewinnen. Alle 53 Universitätsstudenten nahmen am selben Test teil. Ihnen wurde gesagt, der Test mäße ihre Fähigkeit zur Kontrolle ihrer Impulse, aber in Wirklichkeit war dies ein einfacher Wortassoziationstest. Etwa der Hälfte der Probanden wurde anschließend gesagt, dass ihre Testergebnisse eine starke Fähigkeit zur Impulskontrolle zeigten; den anderen Probanden wurde gesagt, dass sie eine schwache Fähigkeit zur Impulskontrolle hätten.

Nach dem Test sahen sich die Probanden den Film Kaffee und Zigaretten an mit der Aufforderung, während des Films nicht zu rauchen. Sie konnten sich für vier verschiedenen Grade der Versuchung entscheiden: ihre Zigaretten in einem anderen Raum aufzubewahren, ihre Zigaretten auf einem Tisch im Testbereich liegen zu lassen, während des Films eine Zigarette in der Hand zu halten oder eine nicht brennende Zigarette in ihrem Mund zu haben. Je höher der Grad der Versuchung, desto höher war der Geldgewinn—von zwei bis vier Euro –, wenn sie dieser Versuchung nicht erlägen.

Probanden, denen eine angeblich starke Fähigkeit zur Impulskontrolle bestätigt worden war, entschieden sich für einen höheren Grad der Versuchung als diejenigen in der Gruppe mit angeblich geringer Impulskontrolle. Durchschnittlich entschieden sich die Probanden mit der angeblich geringen Impulskontrolle dafür, die Zigaretten während des Films auf dem Tisch liegen zu lassen, während die Probanden mit der angeblich starken Impulskontrolle sich durchschnittlich dafür entschieden, die Zigarette während des Films in der Hand zu halten.

Die Probanden, die glaubten, eine starke Impulskontrolle zu besitzen, schnitten beim Test schwächer ab: 33,33 Prozent der Gruppe mit angeblich starker Kontrolle gaben während des Films ihrem Rauchdrang nach; bei der Gruppe mit angeblich geringer Kontrolle waren dies nur 11,52 Prozent (siehe Abbildung Säulendiagramm).

Daraus schlossen die Forscher, dass die Studie „direkte Beweise für die Hypothese liefert, dass die Einschätzung der eigenen Impulskontrolle das Standhalten gegenüber Versuchungen beeinflusst, und zusätzliche Belege für die Annahme liefert, dass eine Überschätzung der eigenen Impulskontrolle impulsives Verhalten fördert.”

Figure 1: Percentage of Failure to Abstain from Smoking in Study 3

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Ehemalige Raucher
In der vierten Studie ging es um die Nikotinabhängigkeit. Die Studie sollte die Annahme testen, dass ehemalige Drogenabhängige nach den anfänglichen Entzugserscheinungen beginnen, ihre Fähigkeit, ihr durch drogenbezogene Stimuli (wie beispielsweise der Besuch von Orten, die sie mit Drogengebrauch assoziieren) hervorgerufenes Verlangen zu kontrollieren, überschätzen und sich dementsprechend übermäßigen Versuchungen aussetzen.

55 Teilnehmer an einem Programm zum Abgewöhnen des Rauchens, die seit mindestens drei Wochen nicht mehr geraucht hatten, wurden gebeten, ihre Fähigkeit einzuschätzen, ihr Verlangen nach einer Zigarette zu kontrollieren. Sie sollten ebenfalls den Grad der Versuchungen angeben, denen sie sich aussetzten. Nach vier Monaten führten die Forscher eine weitere Umfrage mit diesen Probanden durch.

Sie stellten fest, dass die Raucher, die meinten, eine starke Fähigkeit zur Impulskontrolle zu besitzen, Versuchungen zu rauchen weniger vermieden und dass bei den Rauchern, die eine geringe Vermeidung von Rauchversuchungen angaben, die Rückfallrate nach vier Monaten höher war. „Natürliche Unterschiede in der Einschätzung der eigenen Impulskontrolle beeinflussen nicht nur, wie die Betroffenen mit Selbstkontrolldilemmas umgehen,” schlossen die Forscher, „sondern auch den Erfolg ihrer Bemühungen um Selbstkontrolle.”

Insgesamt, so Nordgren, zeigen diese vier Studien, dass „wir über weniger Kontrolle verfügen, als wir glauben”. „Die jüngste Hypothekenkrise war ein gutes Beispiel dafür, wie sich die Fehleinschätzung der Selbstkontrolle in der Geschäftswelt auswirkt”, sagt Nordgren. „Es gab jede Menge Versuchungen, nur auf den eigenen Vorteil bedacht zu handeln, Warnungen außer Acht zu lassen und Auswirkungen auf die Zukunft zu ignorieren, und es gab nicht viele Richtlinien und Einschränkungen für das Verhalten der Leute.”

„Die Frage, wie großer Versuchung wir uns aussetzen sollten, ist wichtig in vielen Bereichen, die Selbstkontrolle erfordern. Wenn Sie ein ehemaliger Abhängiger sind, müssen Sie entscheiden: ‚Kann ich wieder zu den Leuten und Orten zurückgehen, die mit meiner Abhängigkeit zu tun hatten?‘ Wenn es um Versuchungen im geschäftlichen Umfeld geht, könnten Sie sich fragen: ‚Wie viel Aufsicht und Kontrolle sollte es geben? Welche Art von Vorschriften brauchen wir?‘“

„Ein System, dass einfach davon ausgeht, dass die Leute sich selbst unter Kontrolle haben, wird dieser Fehleinschätzung zum Opfer fallen”, warnt Nordgren. „Wir setzen uns weitaus größeren Versuchungen aus, als es ratsam wäre.”