Strengen sich die Herausforderer mehr an oder schmeißen sie das Handtuch wenn sie auf einen Tiger Woods oder Michael Phelps treffen? Manager schaffen oft interne Wettbewerbssituationen um Mitarbeiter zu motivieren, aber neue Forschungsergebnisse zeigen, dass ein Superstar tatsächlich die Produktivität einer Gruppe eher beeinträchtigen als steigern kann. In einer neuen Studie fand Jennifer Brown vom Institut für Management und Strategie der Kellogg School heraus, dass, während Wettbewerb unter gleichwertigen Konkurrenten förderlich sein kann, große Unterschiede in den Fähigkeiten die Bemühungen der Wettbewerber herabsetzen und dadurch kontraproduktiv sind.

„Bedenken Sie zweierlei Szenarien aus dem Sport“, erklärt Brown. „Im ersten treffen Sie auf einen ähnlich talentierten Rivalen und sind motiviert, sich in Bezug auf Ihre reguläre Motivation mehr anzustrengen da reale Aussichten auf einen Sieg bestehen. Im zweiten Szenario treffen Sie auf einen sehr trainierten Profisportler und Ihre Gewinnchance ist sehr niedrig. Wettbewerb ist kostspielig und es besteht immer das Risiko, einen Muskelkater zu bekommen. In diesem Fall werden Sie sich wahrscheinlich im Wettbewerb weniger anstrengen. Die Anwesenheit eines Superstars hält Sie also davon ab, mit vollen Kräften am Wettbewerb teilzunehmen“.

In ihren Aufzeichnungen bemerkt Brown, dass es im Zusammenhang mit tournierartigen Wettbewerben viele Belohnungsmuster gibt: Firmen belohnen ihren besten Vertriebsmitarbeiter; Assistenzprofessoren konkurrieren um eine begrenzte Anzahl an unbefristeten Stellen; Angestellte einer Großkanzlei streben nach Teilhaberschaften; und Profisportler kämpfen um Nationaltitel. In diesen Situationen basieren die Belohnungen auf relativer Leistung. Beispielsweise richtete der ehemalige Vorstandsvorsitzende von General Electric, Jack Welch, ein „20-70-10“-Programm ein, in welchem die besten 20% der Mitarbeiter belohnt und die unteren 10% „ausgesondert“ wurden. Auch  viele andere Firmen, wie 3M, Bloomingdale’s, Procter & Gamble, IBM, Digital, Johnson & Johnson, General Motors, und Hewlett-Packard nutzen den Wettbewerb zwischen verschiedenen Teams und innerhalb eines Teams zur Motivation der Mitarbeiter.

Verknüpfung der Daten
Brown analysierte die Frage, wie viele Menschen im Wettbewerb mit einem Superstar reagieren mithilfe von Daten aller Spieler in jedem Tournier der Professional Golfer’s Association (PGA) im Zeitraum von 1999 bis 2006. Sie holte sich zudem lochspezifische Informationen für alle Tourniere im Zeitraum von 2002 bis 2006 ein. Einer der Gründe, weshalb Brown die PGA-Daten wählte ist die Tatsache, dass es im Golfsport einen unangefochtenen Superstar, nämlich Tiger Woods, gibt, der seine nächsten Konkurrenten während seiner besten Zeit mit Abstand überholte. Gemäß Golf Digest, Tiger „beendete das Jahr 2007 mit 19.62 Punkten in der Golf-Weltrangliste, d.h. mit mehr als der doppelten Punktzahl seines nächsten Rivalen. Das bedeutet, dass er letztes Jahr genug Punkte hatte um sowohl Nr. 1 als auch Nr. 2 zu sein. Hätte man seine Tournierergebnisse aus dem Jahr 2007 auf zwei Spieler aufgeteilt—Tiger A und Tiger B—wären beide immer noch besser gewesen als Phil Mickelson.”

Brown betrachtet das professionelle Golfspiel als „einen exzellenten Rahmen zur Erforschung von Tourniertheorie und Superstars in einer Rangordnung, da die Anstrengungen in relativ direktem Verhältnis zu den Punktzahlen stehen und die Leistungsermittlung nicht von Gruppendynamik beeinflusst wird“. Beispiele zur Art und Weise, auf die Profi-Golfer ihren Einsatz erhöhen oder verringern können, beinhalten Übungsschläge auf einer Driving-Range, Übungs-Spielrunden und eine Studie des Ablaufs vor dem Tournier. Außerdem kann ein Spieler während dem Tournier besonders auf das Verhalten des Balls am Boden oder am Ziel, auf den Einfluss von Witterungsverhältnissen oder die Klubauswahl achten. All dies sind Aktivitäten, die großem Aufwand bedürfen und die zu einer Leistungssteigerung führen. „Tatsächlich macht die enge Beziehung zwischen Anstrengung/Einsatz und Leistung die Golf-Daten besonders passend für diese Studie“, erklärt Brown. 

Zusätzlich bieten Golftourniere einen Rahmen, in dem sich potentielle Einflussfaktoren kontrollieren lassen. „Das Gute am Golf ist, dass Informationen zu Wetter, Spielrasen, Kondition, Leistungsfähigkeit des Feldes, etc., verwendet werden können um Faktoren zu kontrollieren, welche die Leistung der Spieler beeinflussen“, sagt Brown. „Da Woods nicht immer auf demselben Platz spielt, kann ich die Leistung eines einzelnen Spielers beobachten wenn Wood dort ist und das Ergebnis mit der Punktzahl vergleichen, die der Spieler erzielt wenn Woods abwesend ist.“

Der Superstar-Effekt
Brown fand heraus, dass Golfer, die mit Woods konkurrieren, eine schlechtere Punktzahl als sonst erzielen. Sie fand heraus dass die durchschnittliche Erstrunden-Punktzahl für PGA-Spieler ungefähr 0,2 Schläge höher ist wenn Woods teilnimmt, verglichen mit der Punktzahl, die in Woods’ Abwesenheit erzielt wird. Der gesamte „Superstar-Effekt“ beträgt ungefähr 0,8 Schläge in einem ganzen Vier-Runden-Tournier. Außerdem nimmt der nachteilige Superstar-Effekt zu wenn Woods gut spielt und ab, wenn Woods Leistung schwächer ist.

Brown untersuchte den Superstar-Effekt sowohl an freigestellten Spielern, die sich automatisch für alle PGA-Tourniere qualifizieren und nicht freigestellten Spielern, die sich für jedes einzelne Tournier qualifizieren müssen. Die PGA hat einen komplizierten Prozess zur Ausstellung von Freistellungen eingeführt, aber im Allgemeinen erhalten neue Tourniergewinner und Golfer, die in der vergangenen Saison die oberen 125 Positionen der Gesamtpunkteliste besetzten, den Freistellungsstatus. Freigestellte Spieler sind daher typischerweise talentierter als nicht freigestellte Golfer.

Brown fand heraus, dass freigestellte Spieler bei Tournieren, an denen Tiger Woods teilnimmt, im Durchschnitt einen Schlag höher (schlechter) spielen als in Tournieren, die Woods überspringt. „Ich finde dass sie sogar in dieser ersten Runde schlechter spielen“, bemerkt Brown. „Der Effekt hält während allen Tournieren an“. Sie kommt zu dem Schluss, dass der Unterschied zustande kommt weil „die Konkurrenten ihre Anstrengung in den Situationen herunterschrauben, wo sie glauben dass Woods mit Sicherheit gewinnen wird.“

Um die wirtschaftlichen Auswirkungen des Superstar-Effekts in der PGA darzustellen rechnete Brown den Betrag aus, um den Woods’ Verdienst verringert worden wäre wenn seine Konkurrenten genauso gut wie immer gespielt hätten als Woods am Wettbewerb teilnahm. Dazu errechnete sie erneut, wie die Verteilung der Preise ausgesehen hätte, wenn die Punktzahl aller freigestellten Spieler im Wettbewerb gegen Woods einen Schlag niedriger (besser) gewesen wäre. Ihre Berechnungen deuten an, dass Woods’ PGA-Tourverdienst „zwischen 1999 und 2006 von $48,1 auf $43,2 Millionen gefallen wäre wenn die Leistung seiner Konkurrenten nicht unter dem Superstar-Effekt gelitten hätte.“

Brown fand keine Indizien dafür, dass der Punkteunterschied auf riskantere Strategien der Spieler, wie beispielsweise aggressives Vorgehen, zurückzuführen ist wenn sie stattdessen einen konservativen Schlagstil wählen können. Außerdem sagt sie, dass es keine statistisch relevanten Beweise dafür gibt, dass sich andere Spieler von Woods eingeschüchtert fühlen. Brown folgert, dass andere Spieler einfach nicht genug um einen Sieg kämpfen wenn Woods mitspielt. Diese These wird vom Verschwinden des Superstar-Effekts in Fällen, in denen Woods die Erwartungen nicht erfüllt, untermauert: „Wenn Tiger in einer Krise ist oder einen schlechten Tag hat beeinflusst seine Präsenz in einem Tournier seine Konkurrenten nicht mehr. Wenn er allerdings sehr gut spielt stellen wir diesen nachteiligen Effekt auf die Leistung der anderen Spieler andauernd fest“.

Sie stellte fest, dass „mehrere PGA-Tourspieler sagten, sie wären von meinen Forschungsergebnissen nicht überrascht, obwohl wenige von ihnen behaupteten, dass sie sich eher ‚zu sehr anstrengten’ als ‚nicht genug anstrengten’“. Sie sagte zudem, „Dies ist wahrscheinlich in jedem ‚durchschnittlichen’ geschäftlichen Kontext, wo Manager sich im Allgemeinen eher für die Gesamtleistung des Mitarbeiters und nicht für die Gründe eine Beeinträchtigung von dessen Leistung interessieren, weniger relevant.“ 

Der Superstar-Effekt ist nicht einfach ein Ergebnis weniger, besonders empfindlicher Spieler, welches die Erkenntnisse durch besonders schlechte Punktzahlen verzerrt. Obwohl manche Spieler niedrigere (bessere) Punktzahlen erzielen wenn Woods anwesend ist, erzielen die meisten Spieler höhere Punktzahlen. Allerdings werden nur Woods’ reale Konkurrenten vom Superstar-Effekt heimgesucht. Die Leistung der nicht freigestellten Spieler, von denen die meisten keine reelle Chance auf einen Tourniersieg haben, bleibt statistisch unverändert (Siehe Tabelle 1).

 

Tabelle 1: Durchschnittliche Punktzahlen im Verhältnis zum Wert füuuml;r Tourniere mit und ohne Tiger Woods

Die Auswirkungen des Superstar-Effekts gehen weit über die PGA-Tour hinaus und lassen wichtige Einblicke in breitere Einstellungs-, Vergütungs- und Managementstrategien zu. Brown merkt an, dass Firmen, die tournierartige Belohnungsprogramme anwenden, verstehen, dass Begabungsunterschiede innerhalb der Belegschaft sowohl wesentlich die Effektivität solcher Programme als auch die Gesamtleistung der Arbeitnehmer beeinträchtigen können.

„Wenn Sie einen Superstar in Ihrem Büro haben und dem leistungsstärksten Mitarbeiter einen großen Preis verleihen werden, und wenn jeder Andere im Büro von Anfang an weiß wer das Rennen gemacht hat, könnten die restlichen Mitarbeiter ihre Anstrengung reduzieren. Sie denken möglicherweise „Warum soll ich mich auf einen Wettbewerb einlassen, den ich mit großer Sicherheit verlieren werde?““.

Henry Ford sagte einst: „Egal ob du denkst, du schaffst es, oder du schaffst es nicht—du hast immer recht.” Brown warnt vor unabsichtlicher Zermürbung von Arbeitnehmern indem Konkurrenz erwartet wird obwohl sie denken, dass der Sieger schon feststeht oder dass sie aus ihrer Liga ausgeschlossen sind. Anstatt Personen gegeneinander anzustacheln wenn es einen klaren Superstar gibt, kann es laut Brown nützlicher sein, ein anderes Anreizschema mit verschiedenen Preisen oder gleichwertigen Teams auszuarbeiten. Zusammenfassend stellt sie fest, dass es in jedem Fall ein wichtiger Schritt ist, den Einfluss von Superstars einzuschätzen um klare Erkenntnisse zur bestmöglichen Gestaltung von wettbewerbsfördernden Anreizen zu erreichen.“